„Wir haben die Zukunftsangst abonniert“, schreibt Autorin Kirsten Loesch über die Generation X und trifft damit einen Nerv, der sich auch in mir meldet. Viele, die in den 70er Jahren geboren wurden, haben dieses Gefühl, dass sie in eine Welt gekommen sind, die schon ganz schön „vermacht“ ist. Und auch das Wirtschaftswunder, das zwischen den 50er und Ende der 70er Jahren seinen Höhepunkt erreichte, hat mit unserem Heranwachsen seinen Ausklang genommen und nicht die große Weite rosiger Berufsaussichten hinterlassen, die unsere Eltern noch genossen hat.

Kirsten Loesch, auch ein Kind der Generation X, arbeitete als Journalistin und in der Medienbranche – also durchaus eine erfolgreiche Existenz –, bevor sie sich für ein außergewöhnliches Experiment entschied. Wie so vielen der Generation X erging es ihr auch so, dass sie innerlich diese Ernüchterung spürte, die sich im Außen spiegelt. Sie beschloss, sich für ein Jahr zurückzuziehen, alle Sicherheiten aufzugeben und nur Bücher zu lesen, die ihr die Geheimnisse des Menschseins, des Universums und den Sinn des Lebens näherbringen würden. Aus ihren Recherchen und Erkenntnissen sollte ein Buch entstehen, das mit eben den Antworten aufwarten konnte, die der inneren seelischen Verwaisung entgegenwirken.

Für ihr kürzlich erschienenes Buch „Das Lächeln des Universums“ entwickelte Kirsten den Charakter der Sinn- und Wahrheitssucherin Nuria, Ethnologin und Single, die nach Antworten auf die Frage sucht, warum ihr Leben nicht richtig gelingen will. Kirsten alias Nuria wählt dafür einen ganz rationalen, wissenschaftlichen Ansatz. Mit Hilfe der Biologie, Psychologie, Gehirnforschung und Physik will sie die Rätsel ihres Daseins lösen und begibt sich intelligent und gewitzt auf die Reise durch die Wissenschaften, um schließlich bei den Forschungen zu landen, die zeigen: Das Mystische, die Seele, Schwingung und Klang – das sind alles keine Erfindungen vergeistigter Schöndenker, sondern reale Konstanten, die alles Leben auf wunderbare Weise miteinander verbinden und mit Sinn erfüllen.

Zwischen ihre Spaziergänge durch die Wissenschaftsgebiete streut die Autorin kurze filmszenenhafte Kapitel, die Etappen aus Nurias inneren Erfahrungswelten beschreiben. Auf ihrem Weg der Selbstfindung setzt sie sich mit ihrer Kindheit auseinander, findet zu mehr Selbstbewusstsein, Liebe und einer größeren Erlebnisfähigkeit, als sie je erwartet hätte. Ihr Horizont verschiebt sich um Meilen in neues Territorium.

Ich habe mich aufgemacht, um Kirsten Loesch einige Fragen zu ihrem Buch und zu ihrer erfolgreichen Suche zu stellen (ich gehe davon aus, dass diese Suche auch in ihrem persönlichen Leben eine erfolgreiche war):

newsage: Kirsten, du hast doch sicher auch in deinem persönlichen Leben einen ebenso schönen Abschluss deiner Suche gefunden, oder? Wie weit ist dein Buch autobiografisch geprägt?

Kirsten Loesch: Ich habe mit der Hauptfigur Nuria aus meinem Buch einiges gemeinsam. Die Ausgangssituation zum Beispiel, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben und dem Lauf der Welt. So habe ich mich auch gefühlt, als ich mein Leben vor fünf Jahren radikal änderte, um dieses Buch schreiben zu können. Mit Nuria zusammen habe ich einen Erkenntnisprozess erlebt, der mir auf allen Ebenen Glück und Freude geschenkt hat. Das Buch hat also einen authentischen Kern und erzählt einen authentischen Prozess hin zu einem erfüllten Leben. Das wiederum ist natürlich in viel Fantasie eingebettet. Für mich persönlich geht es immer weiter und die Entwicklung bleibt nicht stehen, nur weil das Leben jetzt schön ist.

Die Unzufriedenheit mit dem Leben, zeichnet das die Generation X aus? Ihr mangelt es ja an Zuordnungsmöglichkeiten für sich selbst, an einem Wertesystem, das nicht oberflächlich ist. Meinst du, das liegt an äußeren Umständen oder ist da auch was Inneres, was die heute 30- bis 40-Jährigen dazu bringt, auf ihre spezielle Art und Weise auf das Leben zu reagieren?

Der Begriff „Generation X“ stammt ja vom Autor Douglas Coupland und fängt ein bestimmtes Lebensgefühl ein. Wie ist es, wenn man genau in dem Moment erwachsen wird, wenn der Welt erstmalig klar wird, dass sie für die scheinbar sorglose Ausnutzung des Planeten doch bezahlen muss? Man ist in den 70er und 80er Jahren noch mit dem Versprechen groß geworden, dass alles super läuft, solange man sich anstrengt. Die Frustration und die Wut sind groß, wenn man die Leere dieses Versprechens realisiert. Die Situation heute ist für die Teenager und Twens nicht einfacher geworden, aber womöglich wurde ihnen weniger vorgespielt. Das ist immerhin ein Vorteil. Auch in dem Sinne, dass man dem Vergangenen nicht hinterhertrauert und seinen eigenen Lebensweg schneller findet. Ich kann mir vorstellen, dass die Frustration meiner Generation der Motor war, der Spiritualität im Westen populärer gemacht hat als je zuvor. Wenn es im Außen weniger an Sinn zu holen gibt, schaut man eben innen nach.

Kann heute im Außen etwas geändert werden, damit nicht immer weitere Generationen X geboren werden?

Ich glaube, die Menschen sind gerade dabei, die Welt positiv zu verändern. Jeder auf seine Weise, entsprechend seinen Interessen und Möglichkeiten. Was passiert, wenn viele Menschen bemerken, dass sie mehr Kraft und mehr Gutes in sich tragen, als sie für möglich gehalten hätten? Dann wird es spannend – für den Einzelnen und durch ihn für viele und den Lauf der Welt. Und ich hoffe, mein Buch kann dabei behilflich sein, diese ungeahnte Kraft in sich zu entdecken – und den Stein, der schon rollt, noch etwas anschubsen.

Warum wählt die Protagonistin einen rein wissenschaftlichen Weg? Ich meine, wenn sie etwas sucht, das ihr Leben erfüllt, würde ich davon ausgehen, dass sie sich Bücher zu Philosophie oder Esoterik vornimmt …

Ich habe Philosophie studiert und im Bereich Esoterik einiges gelesen. Mal böse formuliert: Da weiß auch keiner wirklich Bescheid. Es sind nur mal mehr oder weniger schlaue Gedanken, die einen eben überzeugen oder nicht. In der Wissenschaft ist es im Prinzip genauso, aber dort steht am Ende ein Ergebnis, an dem – zumindest in seiner Zeit – nicht so einfach gerüttelt werden kann. Nuria will ja Klarheit bei den großen Fragen, die Philosophen, Esoteriker, Mystiker, Naturwissenschaftler und die Menschheit allgemein schon immer beschäftigt haben: Wer bin ich und was soll ich hier auf dieser Welt? Aus naturwissenschaftlichen Fakten spinnt sie sich ihre Gedanken und lotet Möglichkeiten aus. Natürlich weiß sie dabei genauso wenig wirklich Bescheid wie jeder andere. Aber sie gleicht es ab mit ihrer eigenen Erfahrung. Sie verbindet die Fakten mit ihrem persönlichen Erleben. Dadurch gewinnt sie tiefe Erkenntnisse, die für sie nicht nur rational, sondern auch intuitiv stimmig sind. Auf was sonst kann man vertrauen, wenn nicht auf die eigene, auch intuitive Erfahrung und selbstständiges, unvoreingenommenes Denken?

Du beschreibst in deinem Buch „Das Lächeln des Universums“, wie deine Recherche mit einem Zitat von Hoimar von Ditfurth begann. „Wir dürfen nicht vergessen, dass die Wurzeln des Bewusstseins älter sein müssen als alle Gehirne, (…) dass das Gehirn das Werkzeug des Denkens ist und nicht seine Ursache. Nicht unser Gehirn hat das Denken ‚erfunden‘, eher ist es umgekehrt. So, wie auch Beine nicht das Gehen erfunden haben und Augen nicht das Licht.“ Hast du denn rausgefunden, was da denkt?

Das würde ja alle Spannung aus dem Buch nehmen, wenn ich das beantworten würde. Vielleicht so viel: Worte nutzen da wenig, sind oftmals abgedroschen und kommen schnell in eine gedankliche Schublade. Im Buch erlebt man als Leser eher einen Prozess mit, so dass man neben den Worten auch zwischen den Zeilen eine Antwort erspüren kann.

Hat denn das Stirnhirn, von dem du schreibst, etwas damit zu tun?

Das Stirnhirn liegt genau dort, wo im Hinduismus das Dritte Auge oder Stirnchakra angesiedelt ist. Die Gehirnforschung spricht diesem Bereich ähnlich wichtige Eigenschaften zu wie die indische Mystik. Das Stirnhirn befähigt den Menschen zu planvollem Handeln, zu Einsicht, zum Innehalten, zur Kreativität, zu Ethik und Mitgefühl. Es scheint mir der Teil des Gehirns zu sein, der den Menschen zum Menschen im besten Sinne macht. Die neuere Forschung bestätigt die Nützlichkeit einer Konzentration auf das Stirnchakra in der Meditation, um sich als Mensch weiterzuentwickeln. Ein schönes Beispiel, wie die Naturwissenschaft heute dabei helfen kann, eine uralte spirituelle Praxis besser zu verstehen.

Was ist dann deiner Meinung nach das Ich?

Das Ich ist die Summe dessen, was man im Leben erfahren hat. Es ist die persönliche Strategie, mit der das Gehirn das Leben meistert, ein notwendiges Werkzeug des Überlebens. Das Ich ist dadurch auch ein famoser Geschichtenerzähler. Das macht das Ich wichtig, weil es so viel über einen weiß und es einem längst vergessene Geheimnisse über einen selbst verraten kann. Und irgendwann, wenn es alle Geheimnisse ausgeplaudert hat, ist man ein anderer.

Hat es auch mit den gemachten Erfahrungen zu tun, wenn du bzw. Nuria an einer Stelle schreibt: „Eine bewusste Entscheidung zu treffen ist gar nicht so selbstverständlich, wie ich dachte“?

Man ist ja im Allgemeinen der Überzeugung, man hätte sein Gehirn im Griff, es wäre ein Organ, das von einem selbst irgendwie gelenkt wird. Dabei unterschätzt man sein Gehirn. Die Beziehungs- und Lebenserfahrungen inklusive ihrem kulturellen Hintergrund bauen das Nervennetz, mit dem man denkt und fühlt. Das Ich wird vom Gehirn produziert und ist nicht unabhängig davon. Solange man nicht weiß, welche Glaubenssätze und Gefühlsmuster im eigenen Nervennetz stecken und warum sie überhaupt da sind, gibt es keine (selbst)bewusste Entscheidung. Nuria geht im Buch in eine Therapie, um da herauszukommen. Gleichzeitig macht sie neue Erfahrungen durch die Meditation. Insbesondere die, dass sie weit mehr als ihr Ich ist, dass noch eine andere Kraft in ihr wirkt. Dadurch kann sie die (selbst)bewusste Entscheidung treffen, sich selbst und ihr Leben neu zu erfinden.

Soweit ich das verstanden habe, bist du auch im wahren Leben auf einen Meditationslehrer gestoßen? Was hat dich zu ihm geführt?

Es war die pure Verzweiflung, die mich vor 15 Jahren auf einen Vortrag von Sant Rajinder Singh getrieben hat. Die Kraft, die seine Präsenz verströmt, hat mich über die Jahre aus einem Sumpf aus Problemen gezogen. Sie hat mir auch Selbstvertrauen und Zuversicht geschenkt. Zu Beginn war da nur ein vages Gefühl: Hier bist du richtig, irgendetwas tut dir gut, auch wenn du nicht verstehst, was das ist. Später wollte ich dann begreifen, was sich da abgespielt hat, wie ich rational einordnen kann, wohin mein Herz mich getragen hat und warum. Damals war es nicht gerade „in“, zu meditieren, Yoga zu machen oder Vegetarier zu sein. Man galt eher als „Spinner“ wie teilweise heute noch. Ich hätte selbst gerne das Buch zur Hand gehabt, das ich jetzt geschrieben habe – in dem rational fundierte Erklärungsansätze für das Unerklärliche geliefert werden, in dem die Intuition des Herzen und der Verstand zusammengeführt werden. Vielleicht wäre mein Weg mit diesem Rückenwind weniger steinig gewesen.

„Ich fühle mich im Universum jetzt wohler als je zuvor. Das Universum mag mich“, sagt Nuria am Ende des Buches. Wieso sagt sie Universum und nicht Welt?

Es geht nicht nur um den Planeten Erde oder um die persönliche Lebenswelt, sondern um die Gesamtheit aller existierenden Dinge und Kräfte. Nuria will im Buch auch herausfinden, was diese Gesamtheit – eben das Universum – ihr über das Leben verraten kann, das in ihm stattfindet. Es gibt den Menschen ja nur, weil es ein Universum gibt, in dem ein Planet entstand, auf dem sich der Mensch entwickeln konnte. Es muss also da draußen etwas geben, das mit dem Menschen in Beziehung steht, bzw. die Bedingungen vorgegeben hat. Welche Bedingungen sind das und welche Beziehung besteht? Nutzt mir das Wissen darüber in meinem Leben? Genau das ist der Wendepunkt, an dem Nuria begreift, wie ihr Leben in einen größeren Kontext eingebettet ist und dass dieser Kontext atemberaubend viel schöner und freundlicher ist, als sie mit ihrem veralteten Schulwissen dachte. Sie hat durch eine zaghafte und einfach zusammengefasste Beschäftigung mit moderner Physik eine fast mystische Erkenntnis, wie alles zusammenhängt und dadurch einen Sinn bekommt.

Wie hat die Aktion mit dem Buch dein Leben verändert? Glaubst du heute z.B. an Wunder?

Oft versteht man den Begriff „Wunder“ so wie vor über 100 Jahren, als die Wissenschaften noch weniger über das Universum wussten. Mit der Recherche für das Buch und den Geschichten um Nuria ist mir klar geworden, dass Wunder eben nichts Wunderliches, Abnormales oder Ausnahmen von der Regel sind. Sie müssen nicht erhofft, geglaubt oder gewünscht werden. Sie sind real und Teil des Gesamtsystems, weil im Universum alle Perspektiven und Möglichkeiten gleichberechtigt sind. Es ist alles möglich. Wunder sind das Programm. Das hat meine Sicht auf die Welt und die Möglichkeiten in meinem Leben natürlich bereichert. Es ist fast zu gut geworden, um wahr zu sein. So dass ich mich heute immer noch „wundere“, wie das passieren konnte.

Kirsten Loesch
Kirsten Loesch hat sich als Laie in die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen eingearbeitet, um Antworten auf die Frage nach ihrer Existenz zu finden. Nach dem Studium der Philosophie, Germanistik, Medien- und Kommunikationswissenschaft arbeitete sie zunächst als Journalistin, dann als Publicity Managerin. Für die Arbeit an ihrem Buchprojekt gab sie alle Sicherheiten auf, um sich neu zu finden und zu erfinden.
Buch-TIPP
Kirsten Loesch
Das Lächeln des Universums: Warum bin ich wozu da?
230 Seiten, € 16,95
ISBN: 978-3-89901-375-7
Verlag J. Kamphausen

Sie möchten mehr erfahren?

Lesen Sie weitere Beiträge zu diesem Thema in der Printausgabe 6/2011. Informieren Sie sich hier über Bezugsquellen in Ihrer Nähe oder abonnieren Sie das Heft online.

Empfehlen
Kategorie: Psyche & Körperarbeit | Keine Kommentare
Bildercopyright: © Sandra Schneider, © Elena Ray / 123rf.com
Illustration: Devam Will