»Du kannst einen anderen Menschen nicht verstehen, bevor du nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bist.« Dieses alte indianische Sprichwort bildet das Kernstück von Walking-in-your-shoes, einer Methode, die direkt und unkompliziert Einsichten in das Seelenleben von uns selbst und anderen offenbart – und einen neuen Zugang zur Empathie eröffnet.

Alles begann mit einem kreativen Experiment: Joseph Culp, von Beruf Schauspieler und Regisseur, studierte eine Rolle ein, mit der er nur mühsam vorankam. Sein Freund, der promovierte Psychologe John Cogswell, riet ihm schließlich: »‚Geh die Rolle doch einfach mal!« Das Ergebnis war verblüffend und faszinierend: Obwohl Joseph einfach nur mit der Intention, die Rolle zu erfassen, umherging, erschlossen sich ihm plötzlich ungeahnte Facetten jener Figur, mit der er sich vertraut machen wollte. Er hatte nicht wie sonst versucht, eine Idee oder eine Vorstellung zu verkörpern, er war einfach nur mit der Intention, die Rolle zu erfassen, gegangen.

Beeindruckt von der Intensität dieser Erfahrung bildete sich in den Köpfen der beiden Amerikaner eine revolutionäre Vermutung: Wenn man eine mehr oder weniger erfundene Rolle »gehen« kann, warum sollte man dann nicht auch eine tatsächliche Rolle, das heißt jemand anderen »gehen« können? Gedacht, getan: Kurze Zeit später trafen sich Culp und Cogswell in einer kleinen, privaten Gruppe, um die Kraft und Kreativität des »Walkens«, des »Gehens«, zu entdecken und zu erforschen.

Joseph Culp erinnert sich: »Von den Ergebnissen waren wir überrascht: Wie kann jemand einfach die Absicht bekunden, einen anderen zu ‚gehen‘, und spontan mit einer derartigen Genauigkeit das Innenleben des anderen aufzeigen?« Doch weder ein Mangel an wissenschaftlichen Erklärungen noch Widerstand und Skepsis gegenüber dem Phänomen ließen bei den Beteiligten die Faszination des Walkens verblassen. »Wir erlebten Durchbruch über Durchbruch. Wir konnten unsere Mütter ‚gehen‘, unsere Väter, unsere Ehepartner und Lebensgefährten, unsere Freunde und Angestellten sowie unsere Vorfahren, die uns heute immer noch beeinflussen«, so Culp.

Stellen Sie sich vor, Sie selbst würden einen Walk in der Rolle einer Ihnen nahestehenden Person gehen. Sie setzen sich in Bewegung und plötzlich kommt auf fast magische Weise das Seelenleben der Person durch Sie zum Ausdruck: Ihr Gang wird beschwingt, Sie fühlen Freude, Sie lachen, Sie fangen an zu singen, wollen die ganze Welt umarmen. Oder aber Sie schleppen sich dahin, können kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Jeder Schritt ist schwer, und Sie merken, wie Angst und Verwirrung in Ihnen hochsteigen. Was auch immer Sie in einem Walk erleben, ist in der Regel symbolischer Ausdruck für das tiefste Innere jener anderen Person, in deren Rolle Sie sich befinden.

Und während Sie so für ein paar Minuten in die Fußstapfen Ihres Mitmenschen treten, kann zusätzlich noch etwas ganz Entscheidendes geschehen: Eine Art Verlagerung des Bewusstseins findet statt. Die Erfahrung im Außen wird zur Erfahrung im Innen und lässt auf diese Weise Ihr Mitgefühl und Ihr Verständnis wachsen. Walking-in-your-shoes trägt so zu einer Öffnung unseres Bewusstseins bei, eben weil es uns darin unterstützt, uns und unsere Mitmenschen nicht mehr nur verstandesmäßig, sondern auch gefühlsmäßig zu erfassen, so dass wir uns und ihnen in Achtung und Liebe begegnen können.

Die Methode ermöglicht uns auf einfache Weise, Zugang zu unserer Empathie zu bekommen. Sie hilft, alte Wunden zu heilen, die Selbstachtung wiederzuerlangen und die Kommunikation mit anderen zu verbessern. Wir haben auf einmal die Möglichkeit, aus unseren einschränkenden Selbst-Konzepten auszubrechen, um zu unserer tieferen Natur der Liebe zu gelangen und zumindest zeitweise abzulassen von dem Glauben, dass wir irgendwie von Natur aus getrennt seien.

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Ein Walk funktioniert im Übrigen auch, wenn wir ihn für einen uns nicht vertrauten Menschen gehen. Warum dies so ist, mag ins Spekulative führen, doch wer sich schon einmal mit Familienstellen beschäftigt hat, kennt diesen Mechanismus und wird eine gewisse Verwandtschaft dieser beiden Methoden erkennen: Bei beiden werden Stellvertreter eingesetzt, und dabei spielt es keine Rolle, ob diese ein Vorwissen besitzen oder nicht. Im Gegenteil: Das Überraschende ist, dass sich unabhängig von jeglichem Vorwissen die Dynamik eines Walks oder einer Aufstellung aus sich selbst heraus ergibt.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Methoden liegt allerdings in der Art der Herangehensweise: Während sich das Familienstellen auf ein System konzentriert, also vor allem das Ganze im Blick hat und erfahrbar zu machen versucht, steht bei Walking-in-your-shoes der Einzelne oder eine bestimmte Sache im Vordergrund. Man benötigt also kaum mehr als einen Stellvertreter.

Interessanterweise ist es ein Familiensteller, der vor ein paar Jahren auf Walking-in-your-shoes aufmerksam wurde und die Methode nach Deutschland geholt hat: Christian Assel, selbst von Joseph Culp ausgebildet, setzt Walking-in-your-shoes mit viel Engagement und Herz in seiner täglichen Arbeit um. Darauf aufbauend ist ein Buch entstanden, das uns nicht nur an zahlreichen Beispielen die Tiefe dieser Methode vorführt, sondern uns selbst auch zum Walken inspirieren und anleiten kann. Alles, was Sie dazu brauchen, ist ein Paar Füße und ein bisschen Mut, sich auf dieses Abenteuer des Rollenwechsels einzulassen.

Der Rest ergibt sich wie von selbst.

Joseph Culp im Interview mit Chris Assel
Buch-TIPP
Christian Assel
Gehen heißt verstehen
Walking in your shoes

152 Seiten, € 12,95
ISBN: 978-3-89385-641-1
Windpferd Verlag

Weitere Informationen
Das Buch beim Verlag Windpferd.
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Kategorie: Psyche & Körperarbeit | Keine Kommentare
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