Sagenhaft klang das, was schon immer über die auf Okinawa lebenden Menschen erzählt wurde: Gesund und fit seien sie, und das bei einem biblischen Alter von hundert oder weit mehr Jahren. Und noch sagenhafter ist: Die Berichte stimmten!

Die tropische Inselgruppe Okinawa gehört zu Japans ärmster und südlichster gleichnamiger Präfektur und liegt näher an Taiwan als an Tokio. Ihre bizarren Felsforma-tionen, ihre weißen Korallenstrände unter Palmen, die sich sanft im Wind wiegen, die üppige Regenwaldflora und -fauna – das alles entspricht schon rein optisch einem Bild vom Paradies. 1,4 Millionen Menschen leben auf den über 160 traumhaft schönen Inseln, dem »Hawaii Japans«.

Dass die Menschen in dieser herrlichen Umgebung sehr alt würden und dabei gesund und fröhlich seien, wurde schon immer gemunkelt. Genaueres erfuhr man aber erst nach 1975, als der japanische Minister für Gesundheit und Wohlfahrtspflege die »Hundertjährigen-Studie von Okinawa« finanzierte, um diese Behauptungen nachzuprüfen. Und die Ergebnisse der dreißigjährigen Forschungsarbeit verblüfften dann selbst Experten: »Okinawa«, so schreibt der amerikanische Wissenschaftsautor

John Robbins in seinem Buch »Gesund bleiben bis 100«, in dem er die Lebensarten und -umstände langlebiger Menschen untersucht hat, »ist die Heimat der gesündesten dokumentierten alten Menschen der Welt, der höchsten nachweisbaren Lebenserwartung der Welt und der weltweit meisten bestätigten Hundertjährigen.«

Im Gegensatz zu anderen Regionen und Völkern der Erde, über die immer wieder ihrer hochbetagten, aber topfitten Menschen wegen berichtet wird – wie etwa Abchasien und Georgien, Vilcabamba in Ecuador oder den Hunza in Pakistan –, kann man im Falle Okinawas dank Japans akribischer Bürokratie mit Dokumenten glaubhaft beweisen, dass die behaupteten hohen Lebensalter tatsächlich der Wahrheit entsprechen. Es gibt dort, so Robbins, »in jeder größeren und kleineren Stadt und in jedem Dorf ein Familienregister, in dem alle Geburten, Eheschließungen und Todesfälle seit 1879 penibel verzeichnet sind. Dank der sorgfältig geführten Geburten- und Sterberegister ist die behauptete Langlebigkeit belegt, die Daten sind in diesem Fall zuverlässig«.

Der alte Mann und der Boxring

Anfang des Jahres 2000 war man sich denn auch sicher, dass Seikichi Uehara, der nette ältere Herr, tatsächlich 96 Jahre alt war, als er sich am Neujahrstag einer außergewöhnlichen Herausforderung stellte … Statt auf einer Parkbank zu sitzen und Tauben zu füttern, war Uehara nämlich selbst vier Jahre vor seinem hundertsten Geburtstag noch als Lehrer für die seltene, dem Karate ähnliche Kampfkunst »Mutubu-udundi« aktiv. Als reiche das noch nicht aus, stellte sich Seikichi Uehara am 1. Januar 2000 bei einem Wettkampf einem 39-jährigen Gegner: Katsuo Tokashiki, dem ehemaligen Weltmeister im Fliegengewicht. Der Kampf wurde in ganz Japan im Fernsehen übertragen. Ungleiche Gegner? In der Tat!

Es wurde tatsächlich eine Schinderei … aber nicht für den alten Mann. Der Kampf begann damit, dass der nahezu sechzig Jahre jüngere Boxer kräftig und immer wieder auf den alten Meister der Kampfkunst einzudreschen versuchte. Doch seine Schläge trafen den Altmeister nicht. Dieser zeigte für einen Mann seines Alters eine erstaunliche Beweglichkeit, Wendigkeit und Schnelligkeit. Elegant wich er den Schlägen des Jüngeren aus. Mit geschickten Drehungen entging er den blitzschnellen Schlägen des ehemaligen Boxweltmeisters. Mehr als 20 Minuten führte der Ältere keinen einzigen Schlag aus. Der junge Boxer Tokashiki wurde immer ärgerlicher und müder.

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Schließlich kam der Augenblick, in denen Tokashiki seine Deckung aufgab. Und in diesem Augenblick landete Uehara geschickt einen einzigen schnellen präzisen Schlag, der den Profi-Boxer zu Boden schickte. Der Kampf war vorüber. Es war Ueharas erster und einziger Schlag im gesamten Match.

Der junge Boxer verließ benommen den Ring. »Das glaub ich nicht! Der alte Mann hat mich besiegt … und ich konnte keinen einzigen Schlag landen …«, murmelte er kopfschüttelnd.

Tokashiki war fassungslos, aber unverletzt. Es war das erklärte Ziel des Altmeisters der Kampfkunst gewesen, ihn zu besiegen, aber nicht zu verletzen. Die Philosophie des »Mutubu-udundi« lehrt, Konfrontation zu meiden und nur zuzuschlagen, wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft sind.

Als Seikichi Uehara später mit den Forschern der Hundertjährigen-Studie von Okinawa über den ungleichen Kampf sprach, lachte er: »Das war doch nicht schwierig. Er war einfach noch zu jung, noch nicht reif genug, um mich zu besiegen.« 2004 starb Uehara im Alter von hundert Jahren.

Das A und O ist die richtige Ernährung

Solche außergewöhnlichen Kräfte in einem Alter, in dem wir in der westlichen Welt das kaum für möglich halten, beruhen zu einem Großteil auf einer gesunden Ernährung. Die Menschen auf Okinawa leben seit jeher so, wie die modernen Ernährungspäpste uns predigen: weniger Fleisch, kleine Portionen, langsam essen.

Die Forscher der »Hundertjährigen-Studie von Okinawa« stellten fest, dass die Ernährungsweise der älteren Menschen insgesamt sehr kalorien-arm ist, dabei allerdings reich an »guten« Kohlenhydraten – das heißt, sie essen viel Vollkorngetreide, Gemüse und Obst. Dieses wird vollwertig gegessen, also mit wenig (wenn überhaupt) verarbeiteten Nahrungsmitteln. Die Nahrung auf Okinawa ist frisch: In erster Linie wird gegessen, was Saison hat und in der Region wächst, verschmäht wird alles, was aus der Dose kommt oder mit Schiffen über weite Entfernungen transportiert wird.

Und, auch das ist selbstverständlich, die Ernährungsweise der Menschen auf Okinawa ist fettarm (wenn auch nicht in extremem Maße), und »ihre« Fette stammen ausschließlich aus natürlichen Quellen, dazu gehören Samen, Nüsse und in manchen Fällen Fisch, anstatt Öle in Flaschen, Margarine oder gesättigte tierische Fette. Da selten Fleisch gegessen wird, stammt das Eiweiß hauptsächlich aus pflanzlichen Quellen wie Bohnen, Erbsen, Vollkorngetreide, Samen und Nüssen.

Ein wichtiger Faktor scheint allerdings zu sein, dass die alten Menschen auf Okinawa nicht essen, bis sie platzen. Sie erzählen, dass sie zu essen aufhören, wenn sie sich zu 80 Prozent satt fühlten. Auf Okinawa sagt man, dass man »weniger isst, um länger zu leben«. Für diese Menschen gehört das zu ihrer Tradition. Und doch bestätigt alles, was wir aus der neuesten medizinischen Forschung über gesundes Altern lernen, wie weise ihre Grundsätze auch nach modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen sind.
Als Dr. Richard Weindruch und Dr. Rajinder Sohal, die weltweit führend bei Studien über eine kalorienarme Ernährungsweise sind, 1997 in »The New England Journal of Medicine« über die Menschen auf Okinawa schrieben, wiesen sie auf die (nach amerikanischen Maßstäben) geringe Kalorienaufnahme der älteren Menschen auf Okinawa hin und betrachteten sie als Schlüssel für ihre hervorragende Gesundheit und hohe Lebenserwartung. Auch Professor Yasuo Kagawa von der medizinischen Fakultät von Jichi, der die Menschen von Okinawa untersuchte, schreibt deren Langlebigkeit und Gesundheit in erster Linie der relativ geringen Gesamtkalorienaufnahme zu.

Ebenfalls wichtig: das Leben in der Gemeinschaft

Alte Menschen haben auf Okinawa einen festen Platz in der Gesellschaft, unterstützen die Dorfgemeinschaft mit ihrer Arbeit und werden mit Respekt und Achtung behandelt. Denn Gemeinschaftssinn und liebevoller Umgang miteinander prägt dort das Leben von der Wiege an. »Ich hatte das Glück, viele Orte zu bereisen und eine große Vielfalt von verschiedenen Kulturen kennenzulernen, doch es gibt etwas wirklich Einzigartiges in der Kultur auf Okinawa, das meiner Meinung nach großenteils für das lange Leben verantwortlich ist. Die Menschen dort sind bei Weitem die nettesten, ruhigsten, warmherzigsten, die ich je traf«, meint David Puzey, der lang auf Okinawa lebte.

Wenn die Inselbewohner das Alter von 97 Jahren erreichen, findet eine große Feier statt (die kajimaya heißt), bei der sich die Menschen den Jubilaren zu Ehren versammeln, um sich über ihr Leben zu freuen und zu bezeugen, dass sie wieder über den freien Geist eines Kindes verfügen. Eine ältere Frau aus Okinawa erzählte John Robbins, als er ihr von Altersheimen und Vorurteilen gegen Senioren in der westlichen Welt erzählte, wie entsetzt sie darüber sei. »Natürlich leben wir lange«, meinte sie. »Wir lieben das Leben. Wer will an einem Ort wie diesem nicht alt werden?«

Trouble in Paradise

Wie jedes Paradies kennt auch Okinawa den Sündenfall. Der kam mit der Besetzung durch die Amerikaner – und, wie könnte es anders sein, mit Fastfood, Eiscreme, Schnellrestaurants und den Vorstellungen von einem »besseren und moderneren westlichen Leben«. Im Jahre 1951 ging Okinawa legal in den Besitz der Vereinigten Staaten über, die Besatzungszeit des amerikanischen Militärs dauerte bis 1972, zwanzig Jahre länger als die Besetzung der Hauptinseln Japans durch die Alliierten. Als die Inseln 1972 an Japan zurückgegeben wurden, blieben die Vereinigten Staaten weiterhin militärisch auf Okinawa präsent.

Noch heute gibt es mehr als 50 000 Angehörige des US-Militärs und 39 amerikanische Militärstützpunkte auf den Inseln, die ungefähr ein Sechstel der Fläche der Präfektur einnehmen. Diese massive Präsenz hatte eine gewaltige Auswirkung auf die Kultur und Lebensart der dort lebenden Menschen: Mit den Soldaten kamen die bekannten amerikanischen Fastfood-Restaurants. Auf Okinawa gibt es heute mehr Hamburger-Restaurants als irgendwo sonst in Japan.

Zudem wurde die japanische Regierung in den 1960er Jahren darauf aufmerksam, dass die jungen Menschen auf Okinawa weniger wogen und weniger Kalorien zu sich nahmen als die jungen Menschen im übrigen Japan. Da die Regierung das fälschlicherweise für ein Problem hielt, erklärte sie die jungen Menschen auf Okinawa für untergewichtig und begann mit der Einrichtung eines Mittagstisches in den Schulen, der das »Problem« beseitigen sollte. Vollfette Milch und Weißbrot ersetzten die kalorienarme, auf pflanzlicher Basis beruhende Ernährungsweise.

Infolge dieser Einflüsse ernähren sich die jungen Leute auf Okinawa viel westlicher als die älteren es taten. Sie nehmen weit mehr Kalorien, Fett, verarbeitete Nahrungsmittel, Fleisch, Zucker und Maissirup zu sich. Da sie viel mehr auf Fertignahrung setzen und ihre Mahlzeiten oft in amerikanischen Fastfood-Restaurants zu sich nehmen, lässt ihre körperliche Fitness zunehmend nach. Außerdem engagieren sie sich weniger für das Gemeinwohl.

Der Gegensatz heute könnte nicht auffallender sein: Die Älteren ernähren sich immer noch traditionell mit vielen Süßkartoffeln, frischen Gemüsen und Tofu – und die Jüngeren, die von der westlichen Lebensart stark beeinflusst sind, geben jetzt pro Kopf dreimal so viel Geld für verarbeitetes Fleisch und fast fünfmal mehr für Nahrung aus der Dose aus als die Einwohner jeder anderen japanischen Präfektur.

Das hat – wie zu erwarten ist – dramatische Folgen: Unter den jüngeren Menschen auf Okinawa gibt es heute mehr Fettleibige als in anderen Präfekturen Japan, das schlechteste Risikoprofil für kardiovaskuläre Erkrankungen, das höchste Risiko koronarer Herzerkrankungen sowie das höchste Risiko eines vorzeitigen Todes. Heute sind die Menschen auf Okinawa mit vierzig oder fünfzig Jahren zunehmend übergewichtig und sterben mit größerer Wahrscheinlichkeit an Herzinfarkten und Krebs als die Älteren, die über neunzig Jahre und älter sind. In den Zeitungen findet man immer mehr Todesanzeigen von Menschen, die in einem Alter starben, das die Mitte ihres Lebens hätte sein können. Und die meisten sterben infolge von Diabetes, Krebs, Schlaganfällen und Herzerkrankungen – alles ernährungsbedingte Krankheiten, die bei den älteren Generationen kaum vorkommen. Zu den traurigsten Ereignissen im Leben der Alten gehört heute, wie oft sie am Grab ihrer Enkelkinder stehen müssen.

Ganz gleich, wie es mit Okinawa weitergeht: Die wissenschaftlichen Ergebnisse der letzten dreißig Jahre haben eindeutig gezeigt, dass eine gesündere Ernährung, gepaart mit geistiger und körperlicher Beweglichkeit, mit Achtung und einem harmonischem Umgang miteinander, ein Weg aus dem Ghetto der Altersheime sein kann – ein aktueller Befund, der gerade auch von uns im Westen mit der zunehmenden Umkehrung der Alterspyramide nicht ignoriert werden sollte.

Vielleicht findet man, wenn diese Lehren beherzigt werden, auch in Deutschland im Jahre 2050 einen Mann Ende achtzig, der einem verblüfften Reporter – so wie es Robbins auf Okinawa passierte – auf die Frage, ob man Respekt haben solle vor dem Alter, antwortet: »Ganz klar, ich bin dafür, dass man den Älteren hilft. Es ist nur richtig. Ich werde irgendwann ja auch mal alt sein.«

John Robbins
John Robbins, Jahrgang 1947, sollte die Leitung des väterlichen Unternehmens, eines der weltweit größten Eiscreme-Hersteller, übernehmen. Doch er entschied sich für seinen eigenen Traum: 1989 gründete er die „EarthSave Foundation“, die für gesunde Ernährung, Umweltschutz und eine humanere Welt eintritt. Heute gilt der Autor als einer der profiliertesten Vertreter einer ganzheitlich orientierten Ökologie und Ernährungswissenschaft in den USA.

Buch-TIPP
John Robbins
Gesund bleiben bis 100
414 Seiten, € 19,90
ISBN: 978-3-86264-202-1
Hans-Nietsch-Verlag

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Kategorie: Ernährung & Gesundheit | Keine Kommentare
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